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Genieß et Puschel, dat is dein Urlaub! – Entspannung mal richtig

24. April 2017 | Tags: Artikel und Studien

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Heute Nacht bin ich aus dem Urlaub zurückgekommen. Das bedeutet, dass ich heute sieben Mal die gleiche Geschichte erzählen werde. Wo ich war, was ich gemacht habe und wie ich es fand. Mache ich auch gerne. Natürlich würde ein korrekter Therapeut das nicht tun. Korrekt wäre eine Antwort wie: „Eine solche Information lässt meine therapeutische Professionalität und die gebotene Distanz nicht zu.“ Aber noch bevor ich ein guter Therapeut bin, noch viel wichtiger, bin ich ein guter Mensch. Und zwar der, der ich bin. Und das heißt authentisch. Nicht zu verwechseln mit perfekt. Authentisch ist viel besser. Für mich heißt authentisch, dass ich jemandem, der nett fragt, auch eine nette Antwort gebe. Und wenn Sie nett fragen, welche das war, werde ich daher nett antworten. Gran Canaria, Salobre Hills, ein kleines Haus mitten auf dem Golfplatz. Direkt gegenüber von Loch 13. Wenn die Golfer morgens um neun starten, habe ich daher eine gute Chance, sie zu sehen, wenn ich auf der Terrasse frühstücke. Für die nicht Golfer unter uns, das ist dann gegen halb 12. Aber nicht die Aussicht, sondern die phantastischen Temperaturen ziehen mich immer wieder dahin. Es wird selten nachts kälter als 18 Grad und tagsüber kaum über 26 Grad, bei einem meist lauen Lüftchen. Heute ging das Gespräch so weiter:

„Seit Wochen bin ich eigentlich kaum arbeitsfähig. Ich schleppe mich mit der Aussicht auf meinen Urlaub in neun Tagen nur noch so dahin!“ Er schaut auf die Uhr. „Achteinhalb. Leistung ist das jedenfalls nicht, was ich da bringe. Neuerdings habe ich Angst, dass der Urlaub rum geht, ohne dass ich mich erholt habe. Und dann geht es mir wie jetzt, nur ohne die Aussicht auf Urlaub.“
„Was machen sie denn, um sich zu erholen? Vielleicht können wir ja hier schon mal die Weichen stellen, damit das klappt?“
„Also im letzten Urlaub am Meer habe ich nur in der Liege gelegen. Mindestens 5 Bücher habe ich durchgelesen. Noch besser kann ich es nicht machen. Ich hatte keinen Laptop dabei und habe auch kaum Mails gecheckt. Daher war ich ja so verzweifelt, als die Erholung nach drei Tagen schon wieder vorbei war!“
„War ihre Familie dabei?“
„Meine Frau und die Kinder. Die waren aber super. Haben in einem Kinderclub gleich Freunde kennen gelernt. Ich hatte eigentlich wirklich meine Ruhe. Am Strand sitzen, Buch lesen, mit meiner Frau plaudern und essen und trinken. Aus dem letzten Urlaub weiß ich ja schon, dass zu viel Sport auch belastend sein kann, das wollte ich auf keinen Fall. Aber was kann man da noch besser machen?“

Tja was nur? Getreu meiner TWJ Methode ist der Urlaub die letzte Chance vor dem Klinikaufenthalt. Jeder sollte erst versuchen, sich über den Tag hinweg energetisch neutral zu halten. Das heiß, abends noch genauso gut drauf sein, wie morgens. Wenn wir den Tagesablauf so strukturieren können, ist das die hohe Kunst. Die meisten arbeiten sich über die Woche ins Minus, um dann am Wochenende zu erholen. Wehe, das klappt dann nicht, weil sich Besuch angekündigt hat. Mit einem Minus in die Woche starten, geht nie lange gut. Wenn das passiert, müssen wir uns über eine langsame Talfahrt in den nächsten Urlaub retten. Egal wie. Diese Methode verwenden die meisten. Wenn der Urlaub dann zu lange auf sich warten läßt, wird es dann eng mit der Puste. Und daher ist die Erwartung an den Urlaub auch so hoch.

Faustregel Nummer ein ist es, möglichst das Gegenteil von dem zu machen, was wir im Alltag machen. Daher ist es Handwerkern auch verboten, im Urlaub mal nebenbei das Haus des Nachbarn hochzuziehen. Die Hände und der Rücken können sich wohl kaum erholen, wenn sie weiter Steine aufeinanderstapeln. Das Gehirn funktioniert genauso. Die Gehirnbereiche, die eh schon überlastet sind, sollten im Urlaub nicht weiter belastet werden. Jetzt sagt mein Patient, das mache er doch gar nicht. Er lese Bücher am Strand, mehr Erholung gehe nicht. Stellen wir uns das mal bildlich vor. Er sitzt im Liegestuhl, liest ein Buch und plaudert zwischendurch mit der Frau Gemahlin. Im Gegensatz zur Arbeit. Da sitzt er im Bürostuhl, liest Emails und redet zwischendurch mit der Sekretärin. Und warum kommt da jetzt keine Erholung zustande? Dem Gehirn ist es tatsächlich völlig egal, was es da liest. Schrift zu dekodieren und in Sprache umzuwandeln ist eine Arbeit, die völlig unerheblich vom Inhalt ist. Spannung oder Spass findet in ganz anderen Gehirnzentren statt, das ist dem Großhirn recht egal. Im Gegensatz, der Spass motiviert den Lesenden, über die eigenen Kraftgrenzen hinauszugehen. Da wo er nachts schon um halb eins müde ist liest er bis um drei, weil es so spannend ist. Wird ihm deswegen der Schlaf geschenkt? Eher nicht. Das ist der Grund, warum Mitarbeiter um so eher ausbrennen, je mehr Spass sie an der Arbeit haben und je motivierter sie sind. Sitzen und Informationen aufnehmen ist der Job meines Patienten. Und genau das macht er den ganzen Tag im Urlaub.

Was soll er denn stattdessen machen? Wenn er normalerweise geistig arbeitet, ist körperliche Beschäftigung im Urlaub schon mal ein Anfang: Sport, Wandern, Tanzen und viel Schlafen. Je weniger Reden, desto besser. Obwohl wir täglich viel Reden und es daher gewohnt sind, ist es doch für den Kopf eine hohe Leistung, die dementsprechend viel Kraft kostet. Das merkt man am ehesten, wenn man müde ist, der Partner aber dringend noch etwas diskutieren möchte. Wo wir gerade bei müde sind: Am Anfang des Urlaubs gilt es, das Schlafdefizit auszugleichen. Und das kann richtig groß sein. 16 Stunden Schlaf in den ersten drei Tagen, danach noch einen ausgiebigen Mittagsschlaf, bis zu dem Punkt, an dem Sie nicht mehr müde sind und das Gefühl haben, morgens wach und erfrischt aufzuwachen. Im Gegensatz zum üblichen“Ich würde gerne noch zwei Stündchen, geht aber nicht!“. Müdigkeit ist hier auch von Schlaffähigkeit zu unterscheiden. Stellen Sie sich vor, Sie haben 40 Stunden Schlafdefizit. Und die wollen Sie auf einen Schlag ausgleichen. Wenn das gehen würde, könnte es sein, dass Sie mangels Flüssigkeitszufuhr nie wieder aufwachen würden. Daher passiert es, dass der Körper zwar noch müde ist, uns sicherheitshalber aber nicht mehr gestattet zu schlafen. Es gibt Patienten, die durch Stresshormone nur eine geringe Schlaffähigkeit haben trotz immens hoher Müdigkeit. So wie ich, wenn ich Sonntag auf Montag Nacht um drei aufwache und nicht sofort wieder einschlafen kann. Mit jeder Minute werde ich ärgerlicher und kann immer weniger schlafen. Irgendwann wird einem klar, dass es sich nicht mehr lohnt zu schlafen, weil man nur noch eine halbe Stunde hat, bis der Wecker klingelt. Die Fatalität dieser Erkenntnis sorgt für Entspannung. Und schon ist man eingeschlafen. Nur um 20 Minuten später vom Wecker aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden.

Noch eins: Verreisen im Urlaub oder zuhause bleiben? Wenn wir uns überlegen, dass auch die immer gleiche Umgebung die immer gleichen Gehirnbereiche reizt, ist die Antwort einfach. Ich behaupte sogar, dass selbst das Zelten im eigenen Garten daher einen viel größeren Erholungseffekt hat, als zuhause zu bleiben. Abgesehen davon, dass uns zuhause immer irgendetwas einfällt, was wir dringend noch erledigen wollen. „Lohnsteuerjahresausgleich“ ist das magische Wort, das Urlaub und Erholung magisch verschwinden lässt. Funktioniert noch besser als „Windowsneuinstallation“.

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