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„Ich arbeite, also bin ich“ – über Arbeit als Selbstwertersatz

8. Mai 2018 | Tags: Artikel und Studien, Burnout

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Helden der Arbeit – Adelsgeschlechter von heute

Guten Abend meine Freunde. Gestern war es mir wirklich einfach zu viel. Viermal am Tag habe ich dieselbe Geschichte gehört. Ich fange schon an, innerlich mitzusummen: „Und mein Vater sagte immer, nur wer ordentlich arbeitet, darf auch ordentlich essen!“, „Aber die von drüben, die sieht man nie! Ich glaube, der arbeitet gar nicht!“, „Ich traue mich gar nicht raus, seit meiner Frühpensionierung. Was sollen denn die Nachbarn sagen?“.

Gleich geht es wieder in die Stunden hinein und Ihr könnt mal wieder etwas lauschen. Vorher noch eine Empfehlung: Ich habe grad mit der besten Frau von allen den Tatortreiniger gesehen. Erste Staffel, vierte Episode. Schotty will die Überreste eines Therapeuten wegwischen und wird währenddessen von dessen Geist therapiert. Und das gar nicht mal so schlecht, wie ich finde. Besonders hat mir die Stelle gefallen, als der Geist auf seinen Therapieerfolg bei der vorher so konfliktscheuen Patientin stolz war. 44 Messerstiche, wo sie vorher nicht mal fluchen konnte. Was ein guter Therapeut! Schaut Euch das mal an, ist wie Fortbildung.

Nun hören wir in einige Stunden am einem sonnigen Dienstag hinein:

„In meiner Familie gibt es einige Regeln, die für alle selbstverständlich sind. Wir helfen uns untereinander und sind immer füreinander da. Daher muss ich nach der Arbeit immer gleich in den Laden meiner Mutter, um dort zu helfen. Als ich 16 war habe ich meiner Mutter erzählt, dass ich länger Schule habe und hatte eine Stunde für mich. Das war wunderschön, aber ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Krank ist man, wenn man nicht mehr laufen kann. Stolz und Selbstachtung gibt es nur über Arbeit. Damit ist aber nicht die normale Arbeit gemeint. Erst, wenn man nicht mehr klar sehen kann, oder auf den Beinen einschläft, zählt das. Das wird dann stolz in der Familie berichtet und alle freuen sich. Durch mein Burnout befinde ich mich in einer sehr schwierigen Situation in der Familie. Niemand glaubt, dass das eine richtige Krankheit ist, aber keiner sagt es mir direkt. Ausgerechnet jetzt ist mein Vater an Krebs erkrankt. Nach meiner Arbeit und der Arbeit im Laden meiner Mutter müssen wir alle den Laden meines Vaters am Laufen halten. Irgendwie bin ich schon stolz auf mich!“

„Meine Eltern waren beide Lehrer. Am Abendbrottisch wurde über Literatur diskutiert. Es ging darum, möglichst viele Bücher gelesen zu haben, alle Autoren zu kennen und zu allem eine Meinung zu haben. Wie ein intellektuelles Kräftemessen. Es ging auch darum, wer mehr für andere tut. Wer hat am meisten gegeben? Wer war bis zum Umfallen nur für andere da? Darum gab es einen regelrechten Wettbewerb!“

„Faulenzer war das schlimmste Schimpfwort in unserer Familie. Damit war alles gesagt. Es gab unendlich viele Sprichwörter, die dies untermauerten: „Wer beim Essen schwitzt und beim Arbeiten friert, den kannst Du nicht gebrauchen!“, „Seh ich da so ein neues Arbeiterdenkmal, komm ich näher ist es der Schmidt!“, „Dem kannst Du beim Laufen die Schuhsolen wechseln!“, „Der hat die Arbeit auch nicht erfunden!“. Ich hatte immer etwas in der Hand, das mich beschäftigt aussehen ließ. Einen Staubwedel, den Staubsauger oder ein Tuch. Wenn jemand in den Raum kam, konnte ich so tun, als sei ich schwer beschäftigt. Eine peinlichere Situation gab es nicht, als bei Ausruhen erwischt zu werden.“

Die Geschichten ähneln sich alle, selbst wenn die Schauspieler wechseln. Der Verlauf der Geschichte übrigens auch. Der Protagonist erleidet eine recht ansehnliche Karriere, wird von seinen Vorgesetzten gemocht, im Extremfall sogar befördert. Die Belastung steigt, bis der Hauptdarsteller entweder eine schwere Krankheit bekommt, was noch vor 20 Jahren meist der Fall war, oder Burnout bekam. Im allerbesten Fall konnte er sich bis zu seiner Rente durchquälen, bis seine Welt in Bedeutungslosigkeit zusammenbrach. Körperliche – also sichtbare – Gebrechen waren früher die einzige Möglichkeit, entschuldbar eine Auszeit zu nehmen. Was auch nicht weiter schwierig war, in den Zeiten vor Pantoprazol hatte jede Führungskraft ein Magengeschwür oder Herzproblem. Und mit Beginn der Rente brach das Leben zusammen, weil das ganze Denken nur auf Leistung als Selbstwertdefinition ausgerichtet war. Leistung gleich Stolz und Ansehen. Mit der Rente wird nun die Möglichkeit zur Selbstwertgewinnung weggenommen. Das ist der Grund, warum viele einfach weiterarbeiten. Ich kenne Kollegen, die noch mit 80 Jahren Patienten behandeln. Damit tun sie übrigens weder den Patienten einen Gefallen, noch dem System, das dadurch künstlich am Leben gehalten wird. Aber für Sie ist es die einzige Möglichkeit, auch heute noch einmal in den Genuss eines Hausbesuches für 3,58 Euro zu kommen. Soviel berechnet Ihnen der Privatarzt, wenn er tagsüber zwei Kilometer von der Praxis mal eben die Untersuchung bei Ihnen auf dem Sofa durchführt. Warum gibt es das heute eigentlich nicht mehr? Als Kind war das ganz angenehm, heute müssen die 6 jährigen die Nacht in der Notaufnahme verbringen.

Arbeit=Selbstwert

Ich höre diese Gleichsetzung von Arbeit und Stolz oder Selbstwertgefühl so häufig, dass man die für selbstverständlich halten könnte. Aber ist das so? Ich habe mal etwas gegoogelt und die Theorie gefunden, dass noch im Mittelalter in Deutschland Arbeit die einzige Möglichkeit zum Überleben war. Es gab keine Alternative zum Arbeiten und jeder arbeitete von morgens bis abends. Es ist schwierig, stolz auf etwas zu sein, was selbstverständlich und alternativlos ist. Stolz wurde damals über das Leben von anderen erfahren: Königs- und Adelshäuser. Deren Glanz zu erblicken und an deren Leben teilzuhaben machte die Menschen glücklich. Naja, wird zumindest behauptet, muss ja auch nicht alles stimmen. Aber ich glaube, dass dieser Instinkt noch nicht ganz weg ist. Das englische Königshaus begeistert die Massen der ganzen Welt. Und wenn wir unseren Ernst August so sehen. Abkömmling einer Dynastie, die Deutschland und England beherrschte, hier aus Hannover. Unser ganzer Stolz. Also wenn ich den so sehe, dann schau ich doch lieber wieder nach England: Die Hochzeit von Megan und Harry wird die Strassen füllen, genau wie vor 300 Jahren.

Northeim – damit ist alles gesagt

Aber nicht nur wenn wir zeitlich sehen ist Arbeit=Stolz ein begrenztes Phänomen, auch im Querschnitt der Gesellschaft finden wir es nicht überall. Wenn dem so wäre, müssten alle Arbeitslosen automatisch depressiv werden. Auch wenn wir das glauben und für manche auch zutrifft: Die Statistiken bestätigen das nicht. In meiner Zeit in der neurologischen Praxis Dr. Schulz in Northeim hatte ich einen wundervollen Blick auf den Stadtbrunnen. Dieser war im Sommer jeden Tag von Menschen belagert, die sehr viel Bier tranken und sich im Busch direkt unter meinem Fenster erleichterten. Wenn da so richtig die Sonne drauf schien und die heißen Urindämpfe durchs offene Fenster zogen, da wurde auch der letzte Patient blass. Der Duft von Northeim, das war schon was Besonderes!  In meiner Naivität habe ich diese Leute sehr bedauert. Wenig Geld, keine Zukunftsperspektive, schlechte Beförderungschancen. Auf dem Heiratsmarkt stand es wahrscheinlich auch nicht zum Besten. Über die Unterkunft konnte ich nur spekulieren. Eines Morgens ging ich auf dem Weg in die Praxis wieder einmal am Brunnen vorbei. Wiedereinmal gab ich einem der jüngeren Trinker etwas Geld. Aber dieses Mal bedankte er sich nicht wie üblich. Er sagte: „Durchhalten, Meister!“ Ich dachte erst, ich hätte mich verhört. Dennoch blieb ich stehen. „Durchhalten?“ Erst wollte er nichts sagen, einfach so tun, als hätte er mich nicht gehört. Dann raffte er sich innerlich zusammen. „Irgendwann kommen auch mal wieder gute Zeiten, halten Sie durch! Wir sehen sie ja in der stickigen Bude da oben. Den ganzen Tag sehen sie keine Sonne. Sie machen doch höchstens ne halbe Stunde Mittag, oder? Sie bekommen von dem schönen Wetter doch gar nichts mit!“ Dann dachte er nach. „Aber ich will mich mal nicht einmischen, muss ja jeder selbst wissen.“ Erst langsam dämmerte es mir. Er bedauerte mich! Mich, der ich bis dahin eine glänzende Karriere hingelegt hatte. Studium in Rekordzeit, direkt in den Job, ständig die Stelle gewechselt, um von den Besten zu lernen. Der jüngste Dreifachfacharzt. Ohne Urlaubssemester oder Auslandsaufenthalte zur Entspannung nach dem Studium. Besser konnte es überhaupt nicht laufen. Wissenschaftliche Studien neben der fundierten klinischen Ausbildung, wer hatte das schon? Und er bedauerte mich? Wenn es nicht so absurd gewesen wäre, hätte ich laut losgelacht. Aber dennoch habe ich an diesem Tag öfter den je auf diesen Brunnen geblickt und mich gefragt, wie es so wäre, dort in der Sonne zu sitzen und mit ein paar Freunden ein Bierchen zu genießen. Oder wie es gewesen wäre, wenn ich das praktische Jahr doch auf den Malediven gemacht hätte? Als Clubarzt, auch wenn es möglicherweise im Lebenslauf nicht so toll ausgesehen hätte.

Wenn wir in die andere Richtung sehen und nach oben aus der Mittelschicht herausschauen, begegnet uns das gleiche Phänomen. Schau ich im Sommer über den Gartenzaun, sitzt da mein gutgelaunter Nachbar, 45 Jahre, und fragt mich, ob ich ein Bierchen mit ihm trinke. Wir bemerken schon die Ähnlichkeit zur vorherigen Geschichte? Wenn ich dann sage, dass es Mittwoch Mittag ist, macht ihm das gar nichts. Laden läuft, sagt er. Der Geschäftsführer meldet blendende Zahlen. Ihm ginge es nur schlecht, wenn er arbeiten müsste. Also, wenn jetzt jemand anrufen würde und er in die Firma müsste, dann würde was nicht stimmen. Aber so lange das nicht passiert, geht es ihm gut. Wir merken. Von der Gleichung Arbeit=Stolz hat der auch noch nie was gehört. Der sieht das genau anders herum.

Diogenes wusste Bescheid

Bereits vor 3000 Jahren wurde dieses Phänomen von Diogenes auf den Punkt gebracht. Er ging zu einem Fischer, der vor seinem Boot in der Sonne lag und schlief. Wir wissen es mittlerweile natürlich besser. Wahrscheinlich hat er ein Bierchen getrunken. Die Geschichte sollte aber wohl auch kindgerecht sein, also schlief er. Diogenes weckte ihn auf und fragte ihn, warum er nicht arbeiten würde. Der Fischer meinte, weil er viel lieber in der Sonne liegen würde. Diogenes war schlau und argumentiert listig: „Wenn du jetzt arbeitest, dann kannst du dir schon bald ein größeres Boot kaufen und jemand einstellen, der für dich arbeitet.“ „Und dann?“ Jetzt stutzte Diogenes: „Dann kannst du dich ausruhen und hier in der Sonne liegen!“ Der Fischer schaute ihn zweifelnd:  „Aber das mache ich doch bereits!“

Diese Geschichte macht nur unter zwei Gesichtspunkten Sinn. Ersten muss man wissen, dass im alten Griechenland Sklavenhaltung üblich war. Deswegen konnten die auch den ganzen Tag philosophieren und im Sand herummalen. Essen war dennoch auf dem Tisch. Und zweitens schienen die Griechen nicht auf Arbeit als Lebensgrundlage angewiesen zu sein. Haben wahrscheinlich alle geerbt. Damit kommen wir der Lösung unseres Dilemmas schon viel näher. Arbeit ist keine Philosophie und auch keine sinngebende Religion. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die Schaffung der Grundlage unseres Lebens. Und damit eine schlichte Notwendigkeit. Darauf stolz zu sein weißt auf einen erschreckenden Mangel an Alternativen für unseren Lebenssinn hin. Früher wurde diese Lücke gut von den Religionen dieser Welt gefüllt. Welches der Zehn Gebote war nochmal: Du sollst arbeiten? Nummer sieben oder Nummer acht? Wer hier googelt ist entweder ironieresistent oder Buddhist. Und da will ich mal nichts gesagt haben.

Wo gehts zum Traumjob?

Den Traumjob zu finden, der die Erfüllung aller unserer Sehnsüchte ist, erschwert uns nur die Jobfindung. Egal welche Arbeit es ist, wenn wir nur zuviel davon machen, geht es uns auf den Geist. Das hat noch jeder herausgefunden, der sein geliebtes Hobby zum Beruf gemacht hat. Da ist auch derer letzte Spaß weg. Ich habe mal einen Rechtsanwalt behandelt, der sehr unzufrieden mit seinem Job war. Er wollte immer was mit Musik zu tun haben, durch die Welt reisen und interessante Leute treffen. Genau das haben wir hinbekommen. Er hat sich bei einem Label beworben und reiste durch die Welt um mit bekannten Künstlern Verträge für ihr neues Album zu machen. Er war bei Jon Bon Jovi zuhause und hat mir ein Foto von sich mit Shakira geschickt. Nach einem Jahr war er wieder da. Mit den Nerven am Ende. Nur noch im Flugzeug, nie zuhause. Er kann Hotelzimmer nicht mehr sehen. Kann keine Familie gründen. Will irgendwo in Hannover von 9-16 Uhr arbeiten und sein Glück eher im Privaten suchen.

Zusammenfassung

Arbeit=Selbstwert ist eine Gleichung, die durch ihre Einfachheit besticht. Wir können unseren Wert in Zahlen auf dem Konto ablesen! Wir können ihn direkt mit anderen vergleichen. Diese Gleichung hat nur einen Fehler. Sie führt uns von unseren Werten weg, statt hin. Selbstwert wird weniger, da wir uns nicht mit uns, sondern mit der Arbeit beschäftigen. Selbst wenn das Konto mehr wird: Werte, Moral und Ethik werden zunehmend weniger und dieser Mangel wird durch materielles Denken gefüllt. Arbeit muss Grundlage für unsere Existenz sein, nicht Ersatz. Nur wenige sind diesen Weg zu Ende gegangen, aber alle haben genau diese Erfahrung gemacht. Deswegen gibt Bill Gates sein Vermögen wieder aus, um für sich und die Welt Werte zu schaffen. Manchmal werde ich gefragt, was ich dadurch gewonnen habe, dass ich weniger arbeite, um mehr Zeit für mich zu haben. Meine Antwort lautet dann: „Gar nichts!“. Aber unter uns: Ich hab viel verloren: Innere Unruhe, ewig lange Wochen, Angst vor Montagen und die Angst, vor Arbeit krank zu werden. Und dann hab ich doch was gewonnen: Das Gefühl, dass auch Zeit an der Arbeit etwas Besonderes sein kann. Jeder Tag Gelegenheit für wunderbare Begegnungen bietet. Wir dürfen es nur nicht übertreiben. Auf die Angestellten wird genau mit der Stempelkarte aufgepasst. Aber die Selbständigen unter uns haben nur sich selbst als Schutz. Und das ist oft zu wenig.

Vielen Dank für die guten Ideen für ein festes Schlusswort. Heute versuche ich es mal mit diesem: „Sei Dein eigener größter Fan!“

Nicht jeder hat eine Corinna Busch. work.png

Ein Kommentar zu “„Ich arbeite, also bin ich“ – über Arbeit als Selbstwertersatz
  1. ToDi sagt:

    Sehr schön geschrieben, kann und sollte man gleich mehrfach lesen, und natürlich drüber nachdenken. Und dann auch umsetzen. Mach ich dann gleich nachher, muss vorher noch zur Arbeit 😉

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