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Das organisierte Burnout

22. August 2018 | Tags: Burnout, Orthomolekulare Medizin

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Zwei Dinge sind für ein Burnout nötig. Eine hohe Belastung und eine niedrige Belastungsfähigkeit. Die Seite der Belastung kennt jeder: Job, Familie, Anforderungen jeder Art. Ohne Belastung keine Überlastung. Klingt einfach, ist es auch. Dennoch konzentrieren wir uns allzu leicht auf die andere Seite: Die Belastungsfähigkeit. Dies definiert die Fähigkeit des Einzelnen, mit Belastung fertig zu werden. Hierzu gehört die Möglichkeit zur Regeneration, also Schlaf, Urlaub, freie Wochenenden und Ruhe. Über Regeneration könnte ich gleich mehrere Bücher schreiben. Es gehört aber auch die Kraftreserve dazu. Eine gute Kindheit, ein ruhiges Studium, keine Nebenjobs sorgen dafür, dass wir mit vollen Tanks in den Job starten. Wer im Studium schon durch den Prüfungsstress das erste Mal ausbrannte, hat da schlechtere Karten im Job. Übrigens sehe ich dieses Phänomen immer häufiger: Studenten, die bereits im dritten Semester am Ende der Kräfte angekommen sind. Ebenfalls gehört zur Belastungsfähigkeit der Umgang mit Stress. Heute war ein Geschäftsmann in der Praxis, der mir eindrucksvoll vermittelte, was passiert, wenn wir uns mit den Gedanken nicht in der Gegenwart befinden. Ebenfalls war heute ein sehr netter junger Mann da, der zum Hobby Drehbücher schreibt. Ich habe mir das erklären lassen und kombiniere beides mal.

Praxis, Akt I

Klient (freundlich, aber angestrengt): „Ich bin total fertig. Dieses heiße Wetter ruiniert uns das Geschäft. Wir haben die neue Winterkollektion im Schaufenster und die Leute fragen nach Bermudas! Können sie sich das vorstellen?“
DocW (gutmütig, helfend): „Sehr gut sogar! Heißes Wetter, kühle Kleidung, macht Sinn!“
Klient (zweifelnd, ob es ein Scherz war, dann verzweifelnd): „Mode ist möglicherweise nicht so ihr Ding? Man muss sich doch auf die neue Saison vorbereiten? Der Sommer ist längst Geschichte! Hinter den Kulissen wird schon Sommer 2019 geplant!“
DocW (stellt sich absichtlich dumm, um keinen guten Witz vorbeiziehen zu lassen): „Wird er wieder so heiß? Kann man noch Vorschläge einbringen?“
Klient (entscheidet sich endlich mitzulachen und läßt etwas von seiner Nervosität ab): „Nicht wenn es nach mir geht. Oder ich muss T-Shirts für 99 Euro erfinden, sonst geht der Laden vor die Hunde. Einen Einzigen solchen Sommer verkraften wir locker, aber spätestens nach drei solchen Sommern wirft das Geschäft nichts mehr ab. Und wie soll ich dann meinen Lebenswandel halten? Niemand verschlechtert sich gerne!“
DocW (mitfühlend): „Und das scheint sie sehr zu belasten?“
Klient (nimmt die Brille ab und putzt sie, klare Übersprungshandlung): „Ich denke an nichts anderes mehr. Ich habe es nicht in der Hand, kann es nicht beeinflussen. Das macht mich fertig. Gegen wen soll ich kämpfen, das Wetter? Die Bauern bekommen eine Subvention und an mich denkt doch keiner! Gedanklich sehe ich mich schon am Abgrund. Ich schlafe nicht mehr, wälze in Gedanken Zahlen hin und her. Meinen Kollegen geht es noch schlechter. Da sehen unsere Zahlen noch gut gegen aus.“
DocW (nachdenklich): „Warum geht es Ihnen denn jetzt schlecht, wenn das Problem frühestens in drei Jahren eintritt. Und unter uns: Drei Jahrtausendsommer hintereinander halte ich eher für unwahrscheinlich. Einer der führenden Staatsmänner der westlichen Welt hat vor kurzem erst versichert, dass die Klimaerwärmung nur Fake News ist. Das sollte uns alle beruhigen.

Belastungsfähigkeit

Es wurde schnell deutlich, dass der Klient mit den Gedanken sehr in der negativen Variante der Zukunft verharrte, diese als real annahm und durch diese subjektive Realität deutlich in seiner Stimmung gedrückt war. Leider vollbrachte er dieses Kunststück nicht in die andere Richtung. Waren seine Zahlen und die Zukunft rosig, ging es ihm keineswegs blendend. Dies ist der Umgang mit Belastung, der sehr über die eigene geistige Kraft entscheidet.  All das und noch viel mehr ist Belastungsfähigkeit. Auf keinen Fall darf ich hier die körperliche Leistungsfähigkeit vergessen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob alle unsere Reserven an Vitaminen, Mineralien und Hormonvorstufen gut gefüllt sind, oder schon seit langem Mangelverwaltung herrscht. Deutlich sehen wir diesen Unterschied bei einer Chemo. Viele vertragen die ersten Durchläufe noch gut, weil sie noch körperliche Reserven haben. Die späteren werden immer schlechter vertragen. Haare sind eine der am schnellsten wachsenden Zellen des Körpers. Daher erkennen wir hier Mangelzustände sehr schnell. Nicht bei jedem fallen bei der Chemo die Haare aus, aber bei der zweiten viel wahrscheinlicher als bei der ersten. Mann, das hätte ich in meinem Studium wissen sollen, als mir vor Stress und schlechter Ernährung die Haare ausgegangen sind.

Der Umgang mit der Belastungsfähigkeit ist der Hauptteil meiner Arbeit. An der Belastung selbst kann man als Behandler oft nur sehr wenig drehen.

Die Welt hasst Faulenzer

Überlastung und Burnout hat deswegen einen so schlechten Ruf, weil man den Betroffenen mangelnden Einsatz unterstellt. Faulheit, würde mein Opa sagen. In Wirklichkeit sind die Energiereserven aufgebraucht. Durch Engagement, Einsatz und Überstunden. Belastungsfähigkeit wird oft mit dem nur schwer zu verstehenden Begriff der Resilienz erklärt. Und der Erfinder gibt sich alle Mühe, um den Begriff nebulös und schlau wirken zu lassen. Daher wird er gerne verwendet, weil die Verwender dadurch auch schlau wirken. Unter uns sagen wir aber: Belastungsfähigkeit. Wenn Sie wissen wollen, wer diesen Begriff geprägt hat, lesen Sie meinen Blog wohl zum ersten Mal.

Dead Man Walking

Manchmal, wie in diesem Bericht deutlich werden soll, hat diese Belastungsfähigkeit mit dem Burnout nur sehr wenig zu tun. Da geht es nur um die Belastungs selbst. In einem solchen Fall reden wir von Organisationsburnout. Ein Unternehmen in Hannover, das sich wirklich ausgezeichnet um die Gesundheit der Mitarbeiter kümmert, hat mir vor einigen Wochen eine komplette Abteilung zum Burnout Coaching geschickt. Alle! Und, ob sie es glauben oder nicht, die hatten auch alle Burnout. Nachgewiesen. Dass einige von ihnen noch laufen konnten, hat mich doch sehr gewundert. Es ist immer wieder beeindruckend, wie leidensfähig Mitarbeiter sein können, wie engagiert und einsatzfreudig. Leider werden sie von ihren Stress Hormonen noch eine Zeit lang künstlich auf den Beinen gehalten, bevor sie umfallen. „Dead Man Walking“ Syndrom oder auch „Störtebecker Phänomen“. Sie wissen schon, der Pirat der zwar keinen Kopf mehr hatte, aber dennoch durch die Gegend rannte. Natürlich hat der eine von denen eine bessere Belastungsfähigkeit als der andere. Aber das spielte hier überhaupt keine Rolle mehr.

Lehrer und Störtebecker

Ähnlich ist es auf manchen Schulen: Auch wenn Lehrer immer wieder gern Ziel von Gespött sind. Diese Job ist wie dafür gemacht, um auszubrennen. Man muss schon sehr diszipliniert sein und sich an bestimmt Regeln halten, um das zu verhindern. Leider werden diese Regeln nicht im Studium gelehrt, daher ist jeder auf sich allein gestellt. Wenn Sie in der Zukunft mal einen Lehrer oder eine Lehrerin treffen, die desinteressiert und kalt wirkt, wenig engagiert und ein kleines bisschen sadistisch wissen Sie: Hier ist ein Burnout Dilettant am Werk. Sowas ist selbstausgedachte Anfängerprävention. Aber manchmal wissen es die Pädagogen nicht besser und kämpfen auf diese Weise um ihr Leben und ihre Gesundheit. Ein typischer Fall von Organisationsburnout. Es werden Arbeitsbedingungen vorgegeben, die trotz einer normalen oder sogar guten Belastungsfähigkeit zum Burnout führen. Könnte ich erklären, aber auch über die besondere Situation von Pädagogen könnte ich Bücher schreiben.

Firma vor, noch ein Tor!

An dieser Stelle müssen die Organisationen eingreifen. Und zwar zum eigenen Schutz. Sonst werden die engagierten Mitarbeiter ausgesiebt. Potentialträger bleiben auf der Strecke. Langjährig aufgebaute Führungskräfte, in die man viel Geld investierte, gehen zur Konkurrenz.

Es muss eine Atmosphäre (ich versuche wirklich, dieses Wort zu vermeiden) geschaffen werden, in der Engagement und dessen Folgen positiv gewürdigt werden. Man kann nicht von jungen Menschen erwarten, dass sie sich für die Firma überlasten und sich dann erstaunt abwenden, wenn sie überlastet sind. In dieser Firmenkultur müssen sich die Betreffenden frühzeitig melden und im Idealfall an einem Programm teilnehmen, was ihre Arbeitskraft schützt und sogar langfristig verbessert.

Zusammenfassung

Überlastung entsteht aus der Kollision von mehr Belastung, als die Belastungsfähigkeit aushalten kann. Meist kümmern wir uns um die Belastungsfähigkeit und lassen uns da sehr viel für einfallen. Manchmal muss man aber auch die Belastung ansehen. Spätestens wenn alle Mitarbeiter einer Abteilung unter Burnout leiden, ist es kein Einzelschicksal mehr. Hier sind die Unternehmen gefragt, frühzeitig einzugreifen. Wenn man es verpasst hat, die Belastung rechtzeitig zu steuern, muss man den Betroffenen mit speziellen Programmen rechtzeitig etwas anbieten. Spätestens, wenn sie sich im „Dead Man Walking Modus“ befinden, also der Betrieb nur noch durch Stresshormone aufrechterhalten wird. Wird dieser Punkt verpasst, kostet es Geld und gute Leute.

Und für alle Insider: Ab September mache ich wieder mein beliebtes Diätprogramm! Nur dass Ihr Bescheid wisst, wenn ich hier wieder fluche. Ich habe überlegt, ob ich diesmal gleich drei Diäten gleichzeitig mache.

Von einer alleine bin ich echt nicht satt geworden.

So long meine Lieben, haltet Euch tapfer!

Euer Doc Wassmuth

 

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