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DocWassmuth: Ein Mann der Tarte – Über Prophylaxe

10. Oktober 2018 | Tags: Facharzt für ironische Medizin, Therapie

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Ihr ahnt es schon. Meine jährliche Zeit des Zuckerentzuges hat wieder angefangen. Wer sich nicht mehr erinnern kann, dem empfehle ich einen schnellen Rückblick zum letzten Jahr. Dort hat die beste Ehefrau von allen und ich drei Monate einen völligen Entzug von Salz, Weizenmehl, Kohlenhydraten und allem ähnlich leckerem gemacht und es ist uns ausgesprochen schwer gefallen. Montag Morgen letzte Woche habe ich erneut angefangen und bereits um vier Uhr Nachmittags schwere Entzugssymptome entwickelt mit Kopfschmerzen, Schwäche, Schüttelfrost und vor allem: Schlechter Laune. Da ich das Jahr über aber schon sehr wenig Zucker gegessen habe ist, hat es sehr viel kürzer gedauert als noch letztes Jahr. Bereits nach einer Woche habe ich wieder wie letztes Jahr sehr viel Energie über den ganzen Tag hinaus. Daher schreibe ich abends auch wieder und muss mich nicht wie im Sommer abends mit Chips erholen. Aber nur, weil ich nicht die Wahl habe. Hätte ich eine, würde ich die Chips jederzeit vorziehen, da kenne ich keine Verwandten.

Weil ich letztes Jahr aber zum Zucker bereits alles geschrieben habe und hier keinen langweilen will, geht es heute um ein anderes Thema. Auslöser war heute eine Patientin, die bis zu ihrem 14ten Lebensjahr in Sibirien lebte. Dort wird jede Art von Therapie oder seelische Beratung als Schwäche und Makel betrachtet. Ganz im Gegensatz zu der Entwicklung in Deutschland in den letzten 10 Jahren. Heute hat man das Gefühl, dass es „cool“ ist, zur Therapie zu gehen. Das eigene Leben wie eine Detektivgeschichte zu betrachten, die es zu entschlüsseln gilt. Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, warum wir wie handeln und uns selbst so zu optimieren wie unseren Golfschwung. Dabei entsteht ein Sogeffekt: Ehemänner von Patientinnen wollen in Therapie, weil sie befürchten, dass ihre Frau einen psychologischen Vorteil bekommt, oder sich weiter entwickelt und erkennt, dass er es nicht tut. Was blöderweise auch der Fall ist. Ganze Familien melden sich nacheinander an und ich finde es mittlerweile schon normal, auf der Driving Range mit den Worten begrüßt zu werden: „Ich hätte da mal ein persönliches Anliegen!“. Aber in Russland: Nix. Eine Probestunde beim Therapeuten und man ist das Gespött der Leute. Das hat zur Folge, dass man so lange nicht zum Arzt geht, bis nichts mehr geht. Und man gefahren werden muss. Daher sieht man beim Arzt auch nur die allerschwersten, meist irreparablen Fälle. Und das gibt den Vorurteilen natürlich Recht, dass die Behandlung nichts bringt. Ist in etwa so, als würde man nur zum Zahnarzt gehen, wenn man keinen Zahn mehr hat. Und wenn der dann sagt, dass er da auch nichts mehr machen kann: Wusste man es doch gleich! War genau richtig, gar nicht erst hinzugehen, können eh nichts machen.

Stattdessen gehen wir in Deutschland zum Zahnarzt bevor wir ein Loch haben! Prophylaxe nennt man das. Wir kümmern uns rechtzeitig um unsere Zähne, bevor ein Problem auftaucht. Sehr pfiffig! Erstaunlicherweise gibt es dieses Prophylaxethema genau nur in dem einem medizinischen Bereich, bei dem man garantiert nicht stirbt. Warum gibt es das in der Zahnmedizin, bei der Prostata oder dem Darm, aber nicht auch in psychischer Hinsicht? Mein Tipp ist: Geht zum Arzt und lasst Euch psychisch durchchecken, bevor Ihr krank werdet. Dann ist es nämlich eine Kleinigkeit, die Gesundheit zu erhalten. Etwas polieren, Zahnstein weg und spülen, fertig. Ein Therapeut könnte wohl nach einer Stunde sagen: „Sie haben die Neigung, Ihre Arbeit sehr ernst zu nehmen und gehen dabei über die Grenzen der Gesundheit hinaus. Spätestens wenn sie drei Nächte schlecht schlafen sollten sie daher folgende Maßnahmen durchführen:“ Und dann händigt man ein Merkblatt mit den wichtigsten Regeln aus und das hängt man an den Kühlschrank. Oder übers Bett, am Kühlschrank hängt ja schon der Prophylaxetermin vom Zahnarzt. Aber würde sich das lohnen, oder ist das wieder nur ein trauriger Versuch, den Riesencoup der Zahnärzte nachzumachen? Behandlung von Gesunden? „Durch Ihren Vater haben Sie ein schwieriges Männerbild, was immer wieder zu Machtkämpfen führt, die sie entweder verlieren und depressiv werden, oder gewinnen und dadurch Ihren Mann nicht mehr respektieren können! Merkblatt B, hier bitte!“ Bums, zwei Ehen und 7 unglückliche Beziehungen gespart, viele Kinder in die Welt gesetzt. Gutes Kosten/ Nutzen Verhältnis. Für Kinderliebhaber, versteht sich.

Bevor ich Agenten der Versicherungen und Krankenkassen auf den Hals gehetzt bekomme – lachen Sie nicht, die gibt es wirklich – sollten wir durchrechnen, ob es sich nicht auch für die lohnt. Durchschnittliche Arbeitsunfähigkeitsdauer durch einen Herzinfarkt 2000: 19 Tage, 2016: 20 Tage. Durch psychische Erkrankungen: 2000: 26 Tage, 2016 34,4 Tage. Durch zahnärztliche Erkrankungen: 2000: Steht da nicht. Teilt sich hier so eine dünne Linie am Boden der Graphik mit Sonstigen. 20 Prozent aller AU Tage werden durch psychische Probleme verursacht. Die restlichen 80 Prozent von allen anderen Krankheiten auf der Welt zusammen. Bin ich hier der Einzige, der das Gefühl hat, dass sich hier Prophylaxe lohnt? Wo, wenn nicht auf psychischer Ebene? Ein Fünftel aller Krankheitstage auf einmal verhindern, Wahnsinn. Wenn Sie am Anfang Ihres Arbeitslebens stehen, was glauben Sie, bedroht Ihre Einkommensfähigkeit am meisten? Zahnschmerzen? Wen wundert es da, dass es viele private Versicherungen gibt, die in ihren Verträgen psychische Probleme explizit ausklammern, leider nur im Kleingedruckten? Genauso hätte man vor 20 Jahren sagen können: „Wir versichern sie, ganz klar. Nur Rückenprobleme, Herzinfarkt und Krebs haben wir ausgeschlossen, aber das besprechen wir dann, wenn es soweit ist!“

Jetzt können Sie lange darauf warten, dass Ihre Versicherung Rundschreiben für psychische Prophylaxen verschickt. Für die Fans von Zahlen unter uns: Seit 1997 haben die Fehltage wegen Psyche um 167 Prozent zugenommen, alle anderen sind gleichgeblieben. Stellen Sie sich also vor, wie groß dieses Problem in weiteren 20 Jahren ist! Statistisch wird jetzt schon fast jeder einmal in seinem Leben mit ernsthaften psychischen Schwierigkeiten konfrontiert. Für die Leser, die an dieser Stelle aufatmen, weil sie ihre Phase schon hinter sich haben: So funktioniert Statistik nicht!

Kümmern Sie sich um Ihren Kopf, denn es ist ihr wichtigstes Erwerbsinstrument! Zähne können sie nachkaufen. Machen sie eine Prophylaxe, nur eine Stunde im Jahr. Meinetwegen nur eine Stunde im Leben. Die beste Investition, die Sie je gemacht haben.

Haben Sie keine Vorurteile vor den Psychotherapiepatienten da draußen. Die tun wenigstens was dafür, sich selbst und damit die Welt etwas zu verbessern.

Fürchten Sie sich vor den Unbehandelten.

Was halten Sie davon? Haben Sie Anregungen? Wünschen Sie sich ein Thema.

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