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Orientierungslosigkeit in Zeiten des Navis – Moral trotz Gewinnmaximierung?

12. Juni 2018 | Tags: Facharzt für ironische Medizin, Therapie

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Mitten rein in die Woche, im Originalton:

„Sie ahnen gar nicht, was in der Bank los ist. Es geht nur noch um Zahlen. Ich werde nur an meinen Umsätzen gemessen. Der Mensch zählt gar nichts mehr. Und das gilt für Angestellte und Kunden. Wer noch etwas Moral besitzt, hält es da nicht lange aus! Als ich mit dieser Arbeit angefangen habe, durften wir noch selbständig entscheiden, was wir dem Kunden raten. Heute müssen wir das empfehlen, was die Bank vorschreibt. Und das ist manchmal mit dem eigenen Gewissen sehr schwer vereinbar. Morgens müssen wir ans Morgenboard und uns in Farben einzuteilen. Oder uns rechtfertigen, warum wir bestimmte Zahlen noch nicht erreicht haben. Es geht auch nicht darum, den Kunden zu helfen. Neukundenaquise ist das einzige was zählt. Wenn ein Kunde unterschrieben hat, ist er uninteressant. Ist es denn wirklich so wichtig, noch sehr viel mehr Geld zu verdienen, wenn dabei soviel an Menschlichkeit oder Kundenvertrauen auf der Strecke bleibt?“

„Bei meinem Bau geht es drunter und drüber. Jeder versucht, soviel Geld wie möglich mitzunehmen und so schnell zu verschwinden, damit keiner den Pfusch bemerkt. Warum gibt sich denn da keiner Mühe? Wenn ich nicht hinter den Leuten stehe, passiert da entweder gar nichts, oder nur das Nötigste. Und dann habe ich mir mal einen Maurer gefragt, warum die das so machen. Sagt der doch zu mir: Ist doch nicht mein Haus! Ich frage ihn, warum das einen Unterschied macht. Wenn es mein Haus ist, oder das eines Freundes, dann sei man sehr genau, weil man diesen Freunden ja noch öfter im Leben begegnen würde. Da war ich erstmal sprachlos. Leider habe ich zu wenig Maurer im Freundeskreis.“

„Je mehr ich mich um meine Mutter kümmere, desto weniger bekomme ich zurück. Als wäre es selbstverständlich, dass ich alles für sie tue. Wie eine kostenlose Arbeitskraft, die noch nicht einmal Dank verdient hat. Aber bei meiner Schwester, die sich nie blicken lässt, da telefoniert sie hinterher.“ Klingt irgendwie ähnlich wie die Neukundenaquise in der Bank, daher hab ich es mal mit aufgenommen.

„Man hat ja das Gefühl, als würden die Politiker nur noch in die eigene Tasche wirtschaften. Eigene Karriere zählt und dafür wird alles versprochen. Und da werden schon mal Russlands Schulden an Deutschland großzügig erlassen, damit das Geld kurz danach in die eigene Tasche zurückwandert. Und keinen interessiert es. Wen soll ich denn wählen, wenn alle so sind?“

Alles Ego, oder was?

Der tiefverwurzelste Instinkt des Menschen ist der Überlebenswille. Dieser sorgt dafür, dass das eigene Überleben gewährleistet wird, indem knappe Ressourcen wie Essen nicht an Menschen verschwendet wird, die nicht unserem eigenen Genpool entsprechen und auch nicht für unser eigenes Überleben wichtig sind. Oder andersherum: Alle Handlungen müssen direkt oder indirekt das eigene Überleben verbessern. Das macht in schwierigen Zeiten durchaus Sinn und ist möglicherweise im Sinne von Darwin so gewollt: Das stärkste oder angepassteste Lebewesen setzt sich und seinen Genpool durch. Damit ist sichergestellt, dass sich eine bestimmte Spezies weiterentwickelt und die Evolution am Laufen gehalten wird. Der eigene Genpool ist dabei durchaus flexibel zu bemessen. Wir vergleichen immer, wer uns dabei wahrscheinlich am nächsten ist. Als Heranwachsender auf einem kleinen Dorf war das ganz klar. Der Dorfkern spielt Fussball gegen die Siedlung: Ich halte zum alten Dorf, immerhin hat meine Familie 1648 dort den Bürgermeister gestellt. Um ehrlich zu sein: Ich bin nicht ganz so stolz darauf, seit 300 Jahren Dorfbewohnergene zu haben, wie das jetzt so klingt. Wenn wir gegen das Nachbardorf gespielt haben, dann hielt das Dorf geschlossen zusammen. Wenn es gegen die Stadt ging, hielten die Dörfer zusammen. Ich bin in diesem Sinne wahrscheinlich der einzige, der sich darauf freut, wenn Außerirdische auf der Erde landen. Wenn wir gegen die Kicken, werden endlich mal alle Länder der Welt zusammenhalten.

Nach dem Krieg war dieser egoistische Überlebensmechanismus gut zu sehen und auch absolut beeindruckend. Jeder musste aktiv werden, um das eigene Überleben zu sichern. Jeder hat einen Laden aufgemacht, mit anderen getauscht und gehandelt. Von außen sah das so aus, als würde im Sinne des Wirtschaftswunders eine Nation wirtschaftlich erblühen. Von innen hat einfach nur jeder um das eigene Überleben gekämpft. Und gegen das Verhungern. Es war effektiv, aber nicht ganz so romantisch, wie man denken könnte. Stellen wir uns mal vor, wo Deutschland heute wäre, wenn Amerika jedem Deutschen ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 DM gegeben hätte. Wie würde unser Land heute wohl aussehen? Würde es nur eine einzige Fabrik oder einen Laden geben?

Was ist aber mit diesem Mechanismus passiert, als der Staat wieder aufgebaut war und es den Menschen gut ging? Durch ein Sozialsystem war das Überleben gesichert, Rente und Gesundheit ebenfalls.  An dieser Stelle hätte etwas passieren müssen. Alle Deutschen hätten von diesem primitivsten Überlebensmechanismus auf einen höheren umschalten müssen: In der Bedürfnispyramide des Menschen geht es in einer bestimmten Reihenfolge nach oben: Nach der Sicherung der Existenz durch Essen, Trinken und Wohnen geht es über Arbeit und soziale Beziehungen zur Sinnhaftigkeit unseres Lebens über. Das höchste Bedürfnis des Menschen besteht darin, einen Sinn in der eigenen Existenz zu sehen und diesen zu verfolgen. Stattdessen sind wir in der Existenzsicherung und dem Überleben steckengeblieben. Statt „Wo will ich hin?“ gibt es nur „wie kann ich möglichst lang hier sitzen bleiben?“ Daher wird der Egoismus über das Maß des Notwendigen hinaus betrieben. Nachdem unsere Existenz gesichert ist, wollen wir auch die unserer Kinder sichern und am besten auch die unserer Enkel. Leider klappt das nicht. Stellen Sie sich vor, schon zu Beginn des Lebens ist Ihnen klar, dass sie nie mehr arbeiten müssen. Und zwar in einer Zeit, wo Geldverdienen der einzige erkennbare Sinn des Lebens ist. Da wird es ganz eng mit dem Glücklichsein. Ob das der Opa so gewollt hat?

Unternehmen als Spiegel der Gesellschaft? Oder als Vorbild?

In den Unternehmen führt sich das fort. In der Gründungsphase eines Unternehmens geht es viel um Sinn und Philosophie. Nach der Gründung um die Durchsetzung auf dem Markt und die Sicherung des Unternehmen sollte es um die sozialen Bedürfnisse von Kunden und Mitarbeiter gehen und danach um Anerkennung und Wertschätzung. Wir wissen, dass durch diese beiden letzten Schritte die Attraktivität von Unternehmen dargestellt wird. Anerkennung und Wertschätzung sind daher als Anreiz oft viel wirkungsvoller als Geld. Doch schon nach kurzer Zeit gehen die Werte des Unternehmens verloren und der Druck vom Aktienmarkt steigt. Jetzt ist der logische Schritt nach der materiellen Sicherung des Unternehmens die Steigerung der materiellen Sicherheit. Und direkt danach kommt die Maximierung der materiellen Sicherheit. Bei SAP in den 90ern ging es darum, junge Talente nach Sinsheim zu holen und ihnen gute Jobs zu geben. Damit hatten diese Mitarbeiter eine finanzielle Sicherheit und das Überleben von SAP war auch gesichert. Diese Mitarbeiter wurden in Gruppen zu 10 Leuten organisiert, die oft auch privat befreundet waren. Sie hatten Tennisplätze und Tischtennisplatten, Billardräume und Bowlingbahnen in der Firma zur freien Verwendung. Im Rahmen einer Win -Win Situation profitierte auch das Unternehmen, da jeder für den anderen einstand und viel Austausch betrieben wurde. Gute Leute wurden befördert und wertgeschätzt. Doch zur Steigerung des Gewinnes werden Tennisplätze abgeschafft und die soziale Gruppen ausgenutzt, um sich gegenseitig unter Druck zu setzen. Google wollte einmal als Motto „nichts Böses“ tun. Das haben sie lieber in „do the right thing“ umformuliert. Gelebt wird: „Mach das, was noch nicht verboten wurde.“ Bei Ebay kann man gegen Geld und eine eidesstattliche Erklärung schlechte Bewertungen verschwinden lassen und Amazon, tja, ist Amazon. Apple ist diesen Weg gleich mehrfach gegangen. Steve Jobs mit klarer Vision und Wertvorstellung von Innovation, ohne Jobs mit reinen finanziellen Interessen. Dann um das Unternehmen zu retten wieder mit Jobs. Und jetzt wieder ohne. Fest den Aktienkurs im Blick, leider sieht das 6er Iphone in Funktion und Form fast aus wie das 6s,7, 7s und das 8er. Das X hat einen größeren Bildschirm. Leider ist das keine Innovation, sondern eine Weiterentwicklung.

Marschall ans Telefon!

Worum geht es also? Nur um die Ignorierung der Bedürfnispyramide? Ich glaube, es ist viel mehr. In einer Zeit, in der jeder wusste, was richtig und falsch war, brauche man weder Gesetze noch einen Marschall. Den brauchte man für die seltenen Ausnahmen von Leuten, die durch eine schlechte Kindheit keinen Anstand und feste moralische Werte beigebracht bekommen haben. Manchmal brauchte man aber noch nicht einmal den Sheriff. Wenn jemand die sozialen Normen einer Gesellschaft ignorierte, wurde er aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Wenn in einem Dorf 1690 in Hessen jemand stahl, wurde er weder ins Gasthaus, noch in den Krämerladen gelassen. Es wurde kein Handel mit ihm getrieben und er wurde gemieden. Noch in meiner Kindheit bekam ich das mit. Ging natürlich zu weit. Wie immer. Man war sofort in der Sippenhaft. Der Großvater war einmal im Gefängnis und die Enkel bekamen im Dorf keinen Fuß auf den Boden.

Auch die Kirche spazierte diesen Weg hinunter. Großartige Anfangsidee: Egal, ob man im diesseits für Sünden erwischt wird oder nicht, vor dem Jüngsten Gericht hat man sich zu verantworten. Die Regeln waren so einfach, wie aktuell. Nicht stehlen, morden oder lügen. Anderen nicht in die Beziehungen hineinpfuschen und Sonntags nicht arbeiten. Alleine dieses letzte Gebot würde sehr viele Burnout Erkrankungen verschwinden lassen. Mit einen guten Gewissen Sonntags nichts tun. Wäre das nicht phantastisch? Und jetzt das Beste: Zwei von zehn Geboten verbieten den Neid! Begehre nicht deines nächsten Haus. Heute würde man Auto hinzufügen. Und begehre nicht deines nächsten Weib, Knecht, Vieh und alles was sein ist. Dies ist der ultimative Beweis, dass Gott aus Deutschland kam. Er sah es als notwendig an, gleich zwei Gebote gegen den Neid zu erlassen. Zwei! Stellt Euch nur mal vor, wie Euer Leben aussähe, wenn Ihr Euch an die Gebote halten würdet. Kein Neid mehr, anderen ihr Auto gönnen. Nein, sie haben es nicht geklaut oder aus zwielichtigen Geschäften ergaunert. Ihr freut Euch für sie! Ihr sagt die Wahrheit. Keine Lügen mehr, um Konflikte zu vermeiden. Aber stellt Euch vor, wie eine Welt aussähe, in der auch andere diese Gebote einhalten würden! Wäre das nicht der Wahnsinn? Kannst Du gleich die Alarmanlage und das Pfefferspray wieder verkaufen. Und was macht die Kirche? Sie befand sich ganz oben in der Maslowschen Bedürfnispyramide und gab den Menschen und dem Leben Sinn. Und dann geht es 2000 Jahre lang nur um Existenzsicherung und Maximierung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Menschen wurden durch Verbote und Angst gehalten, nicht durch Attraktivität und Sinn durch moralische Führung.

Zusammenfassung

Bevor Menschen versuchen, ihrer Existenz einen Sinn zu geben, wollen sie erst diese Existenz wirtschaftlich absichern. Da es keine absolute Sicherheit gibt, bleiben sie damit bis zum Ende des Lebens beschäftigt. In der Folge kommt es gleichzeitig zur Überlastung und Depression. Das gleiche gilt für Unternehmen, Banken und Institutionen. Ganze Länder funktionieren nur noch in diesen Maßstäben. Auf dem G7 Gipfel ging es nur um Wirtschaft. Da hätte jemand aufstehen sollen und sagen: „Wir brauchen einen europäische Moral. Eine gemeinsame Leitlinie, nach denen Kinder von Eltern und Schule unterrichtet werden, damit in 20 Jahren nicht mehr alles erlaubt ist, wo es noch kein Gesetz gibt. Wo Schluss mit Prügeln ist, wenn jemand am Boden liegt. Das gab es vor 30 Jahren sogar schon mal! In den Menschen gibt es das Bedürfnis nach Werten und moralische Führung. Und Robert Geissen kann das nun einmal nicht. Und Hitler auch nicht und auch nicht der Sektenführer von Nebenan. Nicht einmal Bayern München oder die AfD, auch wenn sich einsame und orientierungslose Menschen an all diese Gruppierungen in Zeiten der Not wenden. Aber wer ist es dann?

Jeder Einzelne da draußen! Jeder bestimmt seine eigenen Regeln und kann die gegenüber seinen Freunden vertreten. Er kann die in seiner Firma vorleben oder auch mit seiner Firma der Welt präsentieren. Wir brauchen integere Menschen mit klaren, unumstößlichen Werten. Menschen, die wissen, was sie wollen und unbeirrbar ihren Weg gehen sind sexy. Fragen Sie Ihre Frau!

Jeden Tag können wir unser Leben ändern. Das Wichtigste ist aber, unser Ändern zu leben!

Das Abschlusszitat kommt mal nicht von mir, sondern von Albert Einstein. Er sagte: „Das Geld zieht nur den Eigennutz an und verführt stehts unwiderstehlich zum Missbrauch.“ Meins wäre gewesen: „Außer mir ist mal wieder überhaupt nichts Süßes im Haus!“.

Seins passt besser.

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