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Austragungsort der WM 2018: Der Kopf

24. Juni 2018 | Tags: Golf, Orthomolekulare Medizin

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Wer hat es gestern nicht gesehen? 2:1 gegen Schweden. Unglaubliche Spannung, ganz große Dramatik. Ende wie aus Hollywood. Und auch kein schlechter Fußball.

In der Vergangenheit habe ich immer wieder über die mentale Seite im Sport geredet. Einerseits, weil ich im Rahmen der Robert Enke Stiftung für Hannovers Sorgentelefon zuständig bin. Da geht es aber mehr um ernste psychische Störungen. Mich interessiert die geistige Einstellung zum Sport oder noch viel mehr die körpermedizinische Fähigkeit, eine Einstellung haben zu können. Und was das bedeutet, schauen wir uns am Beispiel des gestrigen Spieles an.

Draxler oder die negative Verstärkung

Draxler hatte in der vierten Minute schon eine gute Chance, schießt den Ball aber mitten auf den Torwart. In der achten Minute verzieht er. Danach sieht man ihn nicht mehr und er wird in der 46. Minute ausgewechselt. Wie in vielen Beiträgen bereits genau beschrieben, haben Menschen mehrere Gehirnanteile im Kopf. Der Verstand arbeitet sehr genau, aber ausgesprochen langsam. Das Mittelhirn mit Emotion und Instinkt arbeitet sehr schnell, aber leider oft ungenau. Es funktioniert über Bilder und Gefühle. Im Training spielt der Verstand eine Rolle, im Spiel nicht mehr. Durch intensives Training müssen wir Abläufe automatisieren, damit sie im Spiel automatisch abgerufen werden können. Die Spieler verstehen rational viel vom Fußball und üben automatische Abläufe, trainieren aber ihre Emotionen nicht. Am Beispiel von Draxler sehen wir, dass er zwei gute und wichtige Chancen vergibt. Jeder Mensch lernt ständig und versucht, aus Einzelsituationen Regeln abzuleiten. Das ist ein wichtiger Überlebensmechanismus. In der Kindheit von einem einzigen Hund gebissen und für den Rest des Lebens Angst vor Hunden. Draxler lernt, dass er heute das Tor nicht trifft und versucht, das damit verbundene unangenehme Gefühl zu vermeiden. Klassische Lerntherorie: Was belohnt wird, wird wiederholt, was bestraft wird, wird vermieden. Was glaubt er wohl, wird beim dritten Mal passieren, nachdem er zwei Mal das Tor verfehlt hat? Und weil das Gehirn davon überzeugt ist, handelt es dementsprechend.

Das gilt genauso für das ganze Team: 18 Minuten super kompakter Fussball mit vielen Chancen. Dann kommt ein Konter, der von Boateng grenzwertig geklärt wird. Lerneffekt: Wir werden für das Spiel der ersten Minuten bestraft, daher müssen wir anders spielen. Der Moderator spricht von einem gerissenen Faden. Notprogramm des Instinkts heißt hier immer: Vorsichtiger werden. Das sehen wir dann sehr deutlich im Spiel: Kurze Pässe, risikoloses Ballhalten. Leider gewinnt man so nicht und der Gegner kann sich gut erholen.

Vertriebler werden emotional so geschult, dass sie Niederlagen positiv bewerten und daraus Motivation schöpfen. Ein Verkäufer sagt zum Beispiel: Heute hole ich mir am Telefon 200 Absagen und höre nicht früher auf, bis ich die zusammen habe. Jedes Nein bringt mich dem Feierabend näher und motiviert mich.

Der Weg ist das Tor, dann ist das Tor mitten im Weg

Nicht das Tor darf den Spieler motivieren. Wenn wir drei Tore geschossen haben, brauchen wir die Motivation nicht mehr. Der Spielzug selbst muss Motivation sein. Ob der Torwart hält oder nicht, hat mit dem Spielzug selbst ja auch nichts zu tun, dafür ist der Torwart verantwortlich. Ein Lehrer ist für seinen Unterricht verantwortlich. Ob der Schüler etwas lernt, liegt dann nicht mehr in seiner Hand, sondern der des Schülers. Auch den Konter zu bekommen, muss eine Motivation sein. Wenn wir so spielen, dass kein Ballverlust möglich ist, können wir nur in der eigenen Hälfte kicken. Und wie das ausgeht, haben wir oft genug gesehen. Ein riskantes Spiel, wo ich drei Chancen bekomme und der Gegner dafür eine Konterchance klingt wie ein guter Deal. Und klingt auch nach gutem Fussball. Ob es danach 3:0 oder 0:1 steht, hat mit der Richtigkeit der Taktik nichts zu tun.

Aber diesen automatischen, angeborenen Lerneffekt zu unterbrechen und positiv umzudeuten, muss man trainieren. Ich hätte Gomez sehr einen Abschluss gewünscht. Aus den Erfahrungen früherer Weltmeisterschaften scheint das Tor für ihn vernagelt. Der Knackpunkt ist: Glaubt der Spieler wirklich, dass er den Ball reinmacht, oder konzentriert er sich auf seine Angst, dass er vorbeischießt? Das Bild, das der Spieler im Kopf hat, bestimmt den Erfolg. Wenn ich beim Putten Angst habe, dass der Ball zu lang wird, bremst mein emotionales Gehirn die Arme ab. Genau wie ich mir als Zuschauer ein Gummibärchen reinschiebe, bevor der Verstand: Vorsicht Zucker! sagen kann. Wenn ich im Golf beim Abschlag an den See denke, wo der Ball auf gar keinen Fall reinfliegen darf, wird sich der Körper auf den See hin ausrichten. Das Gehirn weiß nicht, warum ich ein Bild von einem See im Kopf habe, aber der See scheint wichtig zu sein. Golfer wissen immerhin im Gegensatz zum Fussballer, dass man sich den erfolgreichen Abschluss vor der Ausführung vorstellen muss. Gut, sie wissen nicht warum, aber immerhin!  Gegenbeispiele gibt es auch. Miro Klose hatte in seinem ersten Einsatz 2001 gegen Albanien und hat gleich das entscheidende Tor gemacht. 2002 im ersten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien hat er drei Tore ins Netz geköpft. Was glaubt ihr, welcher Lerneffekt sich hier bei Miro eingebrannt hat? Wenn ich in der Nationalmannschaft bin, treffe ich aus jeder Position ins Tor. Daher war auch egal, wenn er in der Zeit dazwischen nicht gut gespielt hat. Wenn Miro einen Ball geköpft hat, war der drin. Punkt! Genau andersherum Gomez: Die Erfahrungen aus der Liga zählen im Deutschlandtrikot nicht. Und der Spitzname Chancentod verfestigt diese Einstellung nur. Doch diese mentalen Einstellungen kann man trainieren.

Hormone schiessen Tore

Noch schlimmer ist es aber, wenn die Hormone im Kopf ins Ungleichgewicht geraten sind. Wenn für Motivation, Spielfreude und Antrieb nicht genügend Neurotransmitter da sind. Den Verdacht habe ich bei Özil. Möglicherweise durch nervliche Belastungen im Alltag, vielleicht durch die Erdogan Affaire. Das ist noch lange nicht im Ausmaß eines Burnouts zu sehen. Aber wenn ich Nationaltrainer wäre, würde ich die medizinische Abteilung anweisen, die Neurotransmitterwerte meiner Spieler auf Maximum zu bringen. Durch Ernährung, Entspannungsverfahren und Vitamine. Diese Werte kann man messen! Warum macht man das nicht?

Wer hat in letzter Zeit nicht einen neuen Spieler gesehen, der hochmotiviert Akzente gesetzt hat? So wie Julian Brandt gestern beinahe? Wer erinnert sich noch an den ersten Einsatz von Schweinsteiger? Genau wie Berufsanfänger sind diese Leute mental von ihren Neurotransmitterreserven frisch. Da ist noch nichts ausgebrannt oder verbraucht. Spielfreude ist Ausdruck von Glücksgefühlen und um die muss man sich kümmern. Tut man das nicht, werden die im Laufe der Karriere weniger. Das führt zu verminderter Motivation, wenig Antrieb und wenig Glücksgefühlen. Bis zu Burnout und Depression. Zweimal bin ich kurz vor Saisonende von den 96 gefragt worden, ob man denen in den letzten beiden Spielen mental helfen kann, um den Abstieg zu vermeiden. Leider kann man mentales Fußball nicht in zwei Wochen lernen, technisches ja auch nicht. Ich sage dann immer, dass ich gerne einige Spieler eine Saison lang auf diese Weise aufbauen kann. Aber wenn die Ergebnisse nicht sofort kommen, flaut das Interesse schnell ab.

Dennoch wagt Doc Wassmuth an dieser Stelle mal eine Prognose: Wenn die Fans die Spieler unterstützen, haben die weniger Angst vor dem Versagen und können freier aufspielen. Damit entsteht eine Aufwärtsspirale, die bei den Deutschen wichtiger ist, als bei anderen Mannschaften.

Und dann schaffen wir alles. Dann muss sich auch keiner mehr rausnehmen lassen. Weil er dem Druck nicht anders entkommt, als schneller Karten zu sammeln, als ich mit meinem Panini Album.

Zusammenfassung

Lernt doch von unseren HSV Fans! Gemeinsam und stolz in der Niederlage! Und genauso gemeinsam und stolz im Sieg. „Die“ spielen schlecht, aber „wir“ sind Weltmeister war gestern. Heute sind wir ein Team, im Guten wie im Schlechten.

Was halten Sie davon? Haben Sie Anregungen? Wünschen Sie sich ein Thema.

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