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Antidepressiva und Golf – Neues aus der Todeszone

21. Juni 2017 | Tags: Golf, Therapie

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

„Seit 15 Minuten bin ich hier nur am Lachen. Wenn uns hier einer sieht, würde er kaum glauben, dass ich eine schwere Depression habe. Aber soll ich Ihnen mal was sagen, Doc? Ich war hier der letzte, der geglaubt hat, dass das was bringt. Genau das, was sie mir hier erzählt haben, hat mir auch jeder andere Arzt vor ihnen gesagt. Wir machen hier ganz was neues, blah blah, ab jetzt wird alles anders. Kann ich schon mitsingen. Ich war eigentlich nur hier, weil ich alles andere durch hatte. Und es ja auch nicht mehr schlechter werden konnte. Gar nicht mehr schlechter. Ich mein, ich bin noch nicht durch und wenn ich mir dieses Wochenende anschaue, dann habe ich auch immer noch so meine Durchhänger, aber wir sind ja auch erst drei Monate dabei. Heute morgen dachte ich: Meine schlechten Tage sind die guten von gestern! Sollten sie mal in ihren Blog schreiben. Klingt doch auch recht gut. Dass ich mich überhaupt getraut habe, von diesem Cipralex wegzukommen, wundert mich immer noch, immerhin war das das Einzige, was mich noch aufrecht gehalten hat.“

Hauptsächlich schreibe ich das, um ihm den Gefallen zu tun. Und, weil mir am Wochenende auf dem Golfplatz genau das gleiche passiert ist: Ich hatte mich in die Todeszone begeben!
Diesen Ausdruck hatte ich bisher noch nie gehört. Mein Lehrer Männe Jahn schwört, dieser Ausdruck käme von Oliver Heuler persönlich! Nach  Aufnahmen von vorne und der Seite und ausführlicher Diagnose fühlte ich mich genauso wie beim Arzt. Viele Untersuchungen später schaut man jemandem zu, der in seine Akten starrt und folgenschwer mit dem Kopf nickt. Mehrfach setzt er zum Sprechen an, verstummt dann aber wieder. Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit kommt: „Frank, Du bist in der Todeszone gefangen.“ Kurz hatte ich vergessen, dass ich hier auf dem Golfplatz war und habe mir ernsthaft Sorgen gemacht.
„Du kommst so sehr von innen, dass alles passieren kann!“ Für die zwei Nichtgolfer unter uns: Am einfachsten wäre es, wenn man direkt von hinten gegen den Ball schlagen würde. So wie mit einem Billiard Cue. Geht aber nicht, weil man ja neben dem Ball steht und nicht direkt drüber. Also muss sich der Schläger von der Seite nähern. Meiner aber so stark, dass nur durch ein verdrehen des Schlägerblattes im letzten Moment die Richtung nach vorne bestimmt wird.
„Wenn du ein perfektes Timing hast, fliegt der Ball genau gradeaus. Bist du angespannt und etwas zu früh, schiebst du ihn nach links weg. Und wenn Du etwas müde wirst und da Schlägerblatt zu langsam drehst, geht der Ball nach rechts in die Büsche. Ist wie ein Überraschungsei, man weiß nie, was drin ist.“
Zumindest er fand das lustig. Ich eher nicht so. Das war auch ziemlich genau mein Problem. Drei super Schläge, Publikum staunt. Beim nächsten Ball zeige ich dann meine magischen Talente, für die mich Siegfried und Roy bewundert hätten. „Und jetzt meine Damen und Herren, lasse ich diesen Ball hier für immer verschwinden!“ Rechts, links, da bin ich wie Matthäus, kann ich beides. Zwei bis drei Mal pro Runde und schon komme ich zu meiner nächsten Nummer: Mein Handycap und meine Motivation lösen sich in Rauch auf. Für den passenden Tusch sorge ich mit dem Schläger. Immer auf den Boden. Wird auch nicht gerne gesehen. Männe wollte mir wirklich helfen: „Ich kenne da einen super Trick, mit dem du das Problem etwas verringern kannst. Die Bälle fliegen dann 30 Meter kürzer und auch nicht mehr grade, aber in deinem Alter kannst Du den Schlag eh nicht mehr grade biegen.“
Hat mir dann schon wehgetan. Ich wollte eigentlich bis 80 noch spielen, habe ich ja noch 30 Jahre. Ich bin da guten Mutes und mit Tricks fange ich da gar nicht erst an.

In der Medizin gibt es genau die gleiche Todeszone. Wenn es jemandem so schlecht geht, dass er auf Antidepressiva angewiesen ist. Die bessern den Zustand, sorgen aber langfristig oft dafür, dass die Nerven nicht mit frischem Serotonin versorgt werden. Serotonin ist unser Glückshormon. Sie hemmen nämlich die Aufnahme des Serotonins in den Nerv. Der Patient hatte schon drei Jahren Cipralex genommen, es ging ihm etwas besser als in der ganz schlechten Phase, es gab aber in all den Jahren keine weitere Verbesserung. Ist ein bisschen so, als würde man einen schlechten Wert von 40 auf 60 hochschummeln, damit dort aber festnageln, weil kein frisches Serotonin mehr in den Nerv hineinkommt. Als Psychiater setzt man darauf, dass der Patient durch die leichte Besserung in der Lage ist, seine ursächlichen Probleme zu lösen und dann kann das Medikament auch wieder abgesetzt werden. Todeszone bedeutet, dass ich das Antidepressiva nicht wegnehmen kann, weil es dem Patienten durch die Kombination von Entzugserscheinung und mangelnder Wirkung zu schlecht gehen würde. Ich kann aber auch keine Stoffe geben, die die Serotoninproduktion im Nerv anregen. Weil die sich nicht mit dem Antidepressivum vertragen und weil das Serotonin eh nicht in den Nerv kommen würde. Aus dieser Todeszone kommt man nur sehr schwer wieder heraus. Mein Patient hat es geschafft, weil er mutig war und wir im Entzug sehr eng zusammengearbeitet haben.

Lustig ist, dass er im Moment so viel Energie hat, dass er ein neues Geschäftsmodell plant, Gesundheit im großen Stil an den Mann zu bringen. Das ist wie bei dem Film: Was ist los mit Bob, als der Patient durch die Todestherapie – er saß auf einer Bombe – zu einem besseren Arzt wurde, als sein ursprünglicher Psychiater. Vielleicht nennt er sein neues Geschäft: Durch die Todestherapie aus der Todeszone.

Mit dem neuen Schwung schlage ich nur noch links in die Büsche. Immerhin sehr konstant.

 

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