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„Wenn Du es eilig hast, schlage langsam.“ – Golf und Burnout

30. April 2017 | Tags: Golf, Therapie

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Seit dem letzten Golf Turnier am Samstag, was soll ich sagen, spiele ich einstellig. Knapp aber immerhin.
Bevor ich jetzt mit Gratulationsmails bombardiert werde, möchte ich an dieser Stelle noch loswerden, dass sich meine Einstelligkeit auf meine Nettopunkte beziehen. Für die zwei Nichtgolfer unter uns: Bei jedem Loch kann man je nach Handicap Punkte sammeln. Bei einem neun Loch Turnier muss man davon 18 sammeln, um sein Handicap zu bestätigen, ab 19 kann man es leicht verbessern. Bei einem einstelligen Ergebnis wie bei mir wartet am letzten Loch der Marshall und überprüft die Platzreife. Urkunde zeigen, Ball vom Loch unterscheiden können, wo ist beim Schläger vorne und hinten und mit welchem Schläger kann man die Bälle am besten ins Loch rollen lassen. Hab ich nochmal knapp bestanden, aber wahrscheinlich nur, weil ich unseren Marshall schon vor Wochen bestochen habe. War so was wie eine Eingebung. Ich wußte, dass sich das Kilo Nougat Schokolade nochmal bezahlt machen würde. Liegt aber wohl auch daran, dass ich seit Matt Dillon vor einem Marshall eine gehörige Portion Respekt habe. Wenn er mit seinem Cart oben auf dem Berg steht und mir zuschaut, weiß ich gleich. Er ist das Gesetz. Und ich bin Festus. Kennt auch keine Sau mehr. Stand immer im Hintergrund und goß Kaffee nach. Jedenfalls das, was sie im Wilden Westen als Kaffee verkauft haben. Haben immer schön den Hufeisentest gemacht. Ging das Hufeisen im Kaffee unter, war es noch kein Kaffee.
Was war passiert? Im letzten Training war ich tatsächlich recht gut. Schöner Schwung, ordentliche Bälle getroffen. Sollte eigentlich nichts schiefgehen. Hatte mich auf das Turnier gefreut und wollte mal so richtig zeigen, was in mir steckt. Habe ich ja auch. Blöderweise.

Wenn ich mein Geheimnis für einen ordentlichen Schwung in ein Wort packen sollte, wäre das: „Schiffsschaukel“. Wie eine Schaukel von oben ganz langsam mit dem Schwung anfangen und dann nach unten immer schneller werden. Damit behält man die Kontrolle, weil es ja erst schnell wird, wenn ich sowieso direkt vor dem Ball bin. Man verhindert, dass schon oben Maximalgeschwindigkeit stattfindet, die nach unten schon wieder langsamer wird. Und, jetzt am wichtigsten: Durch die Fliehkraft wird der Schlägerkopf vom Körper weg geschleudert. Bin ich zu früh zu schnell, wird er schon vor dem Ball nach aussen gezogen und haut schön in den Boden. Niemand hätte so viel Kraft, gegen die Fliehkraft den Winkel zwischen Schläger und Arm zu halten und nur von dem kommt die Beschleunigung.

Und was habe ich gemacht, wo ich das so schön weiß? Ich war etwas nervös und wollte auf jeden Fall ordentlich weite Bälle schlagen. Gilt in Golferkreisen als männlich. Weit. Sehr gut! Oha sagt man da. Und wie bekommt man Weite? Schön schnell auf den Ball hauen. So richtig mit aller Kraft. Und was macht man, wenn man die ersten drei Schläge in den Boden haut und der Ball so seine 20 Meter weit hoppelt? Ah, genau! Fester! Muss ja weiter. Diesen Widerspruch kann mein männliches Ego nicht auflösen. Langsamer schlagen, damit er weiter fliegt?

Wer mich oder meinen Blog kennt weiß, dass ich natürlich längst nicht mehr über Golf schreibe. Jeder Burnout Patient in meiner Praxis geht mit der gleichen Einstellung an seine Genesung, mit der er auch krank geworden ist. Mit Kraft und Einsatz, Energie und Nachhaltigkeit. Schlauere Leute als ich haben Sätze geprägt wie: Kein Problem kann auf die Weise gelöst werden, wie es entstanden ist. Einstein meinte einmal: „Die Definition von Wahnsinn ist es, immer wieder das gleiche zu machen und zu hoffen, dass ein anderes Ergebnis dabei herauskommt.“

Mit einem Patienten bin am Ende der Therapie die ersten Stunden durchgegangen. Finde ich immer gut, damit man weiß, wo man herkommt. Stunde 2: „Ich fand es blöd, dass ich keine Hausaufgaben bekommen habe. Wie soll ich denn da gesund werden, wenn ich zuhause nichts zu tun habe.“. Stunde 3: Notiz an mich: „Patient Hausaufgaben mitgegeben“. Stunde 4: Patient: „Ich habe die Hausaufgaben nicht gemacht!“. War klar. Anderer Patient: „Mein Job ödet mich an, ich habe so einen blöden Vorgesetzten. Mit meiner Frau läuft es auch nicht mehr richtig und das Haus kann ich nicht mehr sehen.“. Stunde 2: „Was machen wir heute?“ Ich: „Da weiter, wo wir aufgehört haben. Ich habe ja erst einen kleinen Eindruck bekommen.“. Er:“Nein ich meine, welches Thema? Den Job habe ich gekündigt, die Frau verlassen und das Haus verkauft. Also worum geht es heute?“. Die Geschichte ist viele Jahre her, aber ich erinnere mich immer noch daran, wie mir heiß und kalt wurde. Lustige Nebeninfo ist, sein Chef wollte ihn nach drei Monaten so sehr wiederhaben, dass er den Job des Vorgesetzten bekommen hat. Und seine Frau hat die Auszeit genutzt, um sich darüber klar zu werden, was sie an dem Mann hat. Sind immer noch verheiratet.

Wie bei meinem Golfschwung entsteht das Problem darin, dass Langsamkeit und Ruhe als Schwäche angesehen wird. Nicht als Genauigkeit, Regeneration, Kraftquelle oder Ressourcenorientiertheit. Und weil sie alles mit Kraft angehen, ist irgendwann keine Kraft mehr da. Und dieses Problem wollen sie wieder mit Kraft angehen, was das Problem verschlechtert. Und dann sitze ich da und erzähle von Ruhe und Langsamkeit. Obwohl ich offenbar keine Ahnung davon habe, ich kann Ihnen meine Scorekarte zeigen. Mit der Unterschrift des Marshalls.

Während die meisten diesen Unterschied noch rational verstehen, können fast alle ihn nicht umsetzen. Nur 10 Minuten pro Tag zur Ruhe kommen, nichts tun, auf die Hecke starren, oder auf Ziegen, wahlweise. Nichts zu machen. „Nach 2 Minuten ist mir eingefallen, was ich alles noch machen muss!“, höre ich immer wieder. Daher schicke ich viele zum Wandern. Dort kann man sehr schlecht lesen oder Emails beantworten. Man muss praktisch die Landschaft ansehen. Oder Autofahren. Eine Patientin meinte, dass sie nur ruhig sitzen kann, wenn sie als Beifahrerin mit dem Mann fährt. Lesen geht nicht, wird ihr schlecht. Sie muss aus dem Wagen sehen. Beide sind mit dem Wohnmobil durch Amerika. Drei Wochen jeden Tag 4 Stunden aus dem Fenster schauen, war das Burnout weg. Und es war ein schweres Burnout.

Und was mache ich jetzt? Irgendwann werde ich es begreifen, bestimmt. Und dann ist Schluss mit Trainingsweltmeister. Man darf halt nie aufgeben, immer mit voller Kraft dabei sein. Immer 100 Prozent geben, nie schwächeln, keine halben Sachen machen, Volldampf voraus!

Dann wird das schon.

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