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„Bin ich introvertiert, oder nervt ihr mich nur alle?“ – Ein Symptom formt keinen Charakter

3. Mai 2017 | Tags: Therapie

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

„Langsam wächst mir das alles über den Kopf. Ich weiß nicht, wie wir uns jemals für dieses Haus entscheiden konnten.“
Mittwochs, 10 Uhr. Der Patient ist gut bekannt, hat Großartiges geleistet, vom totalen Zusammenbruch jetzt dabei, sich ein neues Leben zusammenzusetzen. Gut gekleidet, eloquent, etwas schüchtern.
„Das Haus kostet immer mehr, alleine die Küche müssen wir komplett neu machen lassen. Und wenn ich noch einen Handwerker sehe, flippe ich aus.“
„Wo ist das Problem?“
„Ich verbrauche damit so unglaublich viel Zeit. Ich müsste Geld verdienen, meine Zukunft sichern. Ich komme überhaupt nicht vorwärts. Ich sollte längst den nächsten Karriereschritt gemacht haben. Die Zeit läuft mir davon. Und dann kommt der Fliesenleger und will eine Unterschrift, dass wenn er in die Fußbodenheizung bohrt, er nichts dafür kann, weil er die ja nicht gelegt hat!“

An dieser Stelle ahnen wir schon, wo eine mögliche Ursache für den Burnout steckt. Druck, Ehrgeiz, Perfektionismus. Alles super Antreiber um jemanden zu mir zu bringen.

„Und abends fragt meine Frau mich, wann wir endlich einziehen können, weil sie jetzt schon alles gepackt hat und sie langsam ungeduldig wird. Da wird es mir wirklich zu viel. Da merke ich wieder einmal, dass ich für soziale Beziehungen nicht geschaffen bin. Ich war immer schon introvertiert, aber an dieser Stelle möchte ich nur noch alleine sein. Mich um mich und die Karriere kümmern und selbst entscheiden, womit ich meine Zeit verbringen kann.“

Ich bin fest davon überzeugt, dass hinter jedem kleinen Motiv ein großes steckt. Und dahinter möglicherweise ein noch größeres oder sogar das Hauptmotiv des Patienten. Weiterhin glaube ich, dass es nur ein Hauptmotiv gibt, selbst wenn die meisten Patienten mit 5 verschiedenen unerklärlichen Phänomenen ankommen. Ich versuche durch hinterfragen die Hintergründe zu erahnen. Und wie in diesem Fall sind die manchmal erstaunlich.

„Warum ist die Karriere so wichtig, dass sie dafür alleine sein wollen?“
„Ich habe immer gelernt, für mich selbst zu sorgen. Unabhängig zu sein. Schon meine Mutter meinte, das sei sehr wichtig.“
„Warum ist das wichtig?“
„Nicht abhängig sein. Ich will niemandem zur Last fallen. Wenn ich keine Karriere mache, muss meine Frau mitarbeiten, oder sogar mehr verdienen als ich. Wenn ich noch einen Nervenzusammenbruch bekomme, muss sie sich um alles kümmern. Was glauben sie, wie die das findet, wenn ich von der abhängig bin?“
„Sie vermuten jedenfalls, dass das ein Problem in der Beziehung sein könnte?“
„Das wäre noch untertrieben. Ich würde mich schuldig fühlen, sie verraten zu haben, im Stich gelassen. Ich würde mir ständige Vorwürfe machen.“
„Also wollen sie ihr auf keinen Fall schaden?“
„Selbstverständlich.“
„Also liegt ihnen etwas an ihrer Frau?“
„Dafür mache ich das hier doch alles. Haus kaufen und renovieren. Ich sage doch, für mich alleine bräuchte ich das alles nicht. Wie in Studentenzeiten, da habe ich in sehr ärmlichen Verhältnissen gewohnt und mich voll auf den Job konzentriert.“
„Bleiben wir kurz beim Thema. Wenn ihre Frau so wichtig ist, warum ist dann der Wunsch so stark, sie zu verlassen und Karriere zu machen? Wenn die Karriere nur dafür da ist, nicht ihrer Frau zu schaden? Schaden sie ihr durch das verlassen viel mehr?“
Denkpause. „Aber ich war schon immer introvertiert.“
„Sie meinen, dass sie oft alleine waren. Und auch Angst vor sozialen Kontakten hatten. Hat jemand, dem andere Menschen egal sind, Angst vor denen? Oder haben wir nur dann Angst, wenn wir uns genau diesen Kontakt sehr ersehnen? Sie hatten einen starken Wunsch nach Kontakt gehabt, aus Angst, dass sie abgelehnt werden, sind sie aber lieber zuhause geblieben. Ist das introvertiert, oder nur ängstlich? Und jetzt haben sie Angst ihre Frau zu enttäuschen und um diese Situation zu vermeiden wollen sie wieder fliehen. Was eine natürliche Angstreaktion ist. Nur macht das keinen Sinn, wenn die plötzliche alleine mit den Handwerkern im Haus sitzt.“

Wie in einem früheren Blog beschrieben, weisen uns unsere Ängste auf unsere Wünsche hin. Wenn wir unsere ängstlichen Impulse für bare Münze nehmen und ihnen folgen, passiert immer genau das Gegenteil von dem, was wir ursprünglich wollten. Zwei Männer auf einer Party, einer attraktiv, einer weniger. Wer ist leichter anzusprechen? Wen wollen sie ansprechen? Gehen sie den leichteren Weg geht es genau in die falsche Richtung. Ich glaube das ist es, was Yoda meinte. Die dunkel Seite ist leicht, schnell zugänglich. Und führt uns dahin, wohin wir nie wollten. („Zorn. Furcht. Aggressivität. Die Dunklen Seiten der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir.“). Konstantes Hinterfragen unserer Motive führt uns zu unserer Persönlichkeit zurück.
Und bewahrt vor so manchem Fehler.

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