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Eine Schaufel ist die beste Schlaftablette – Schlaf heute

2. Juli 2017 | Tags: Therapie

Bitte beachten Sie

Ich habe einige außergewöhnliche Behandlungsansätze, die sich nicht in Büchern wiederfinden. Diese sind meist konsequent weitergedachte schulmedizinische Betrachtungsweisen. Um mich und meine Arbeit besser kennenzulernen, stelle ich diese hier dar. Ich diskutiere diese gerne mit Ihnen und stelle etwas pointiert dar, um zum Austausch anzuregen. Dieser Blog ist weder Ausbildung, noch zum Nachahmen gedacht und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapie. Aber vielleicht lachen Sie. Und dann vielleicht doch.

Schlafstörungen gehen jeder psychischen Erkrankung um ca. 14 Tage voraus. Und auch deren Ende. Soll heißen, wenn ein depressiver Patient wieder gut schläft, wird es seiner Stimmung schon bald besser gehen. Als Wissenschaftler im Schlaflabor habe ich über die Zusammenhänge zwischen Schlaf und Depression lange geforscht. Im Allgemeinen gilt, dass Schlafstörungen ein körperliches Symptom einer Depression sind. Das erklärt aber nur unzureichend, warum sie einer Depression so lange vorauseilen. Oder führt eine langanhaltende Müdigkeit zur Depression? Immerhin fühlen wir uns so, nach einer durchgemachten Nacht.

Wir wissen recht gut, dass Schlaf zur Regeneration überlebenswichtig ist. Zum einen gibt es hier die rein körperliche Erholung. Durch die Entlastung werden die Bandscheiben wieder mit Wasser aufgefüllt und wir werden dadurch einige Zentimeter größer. Natürlich wussten Sie das schon. Jeder, der nach einem langen Arbeitstag nach hause gekommen ist und das Gefühl hat, unter der Fußmatte durchgehen zu können weiß, wovon ich spreche. Aber mich interessiert am ehesten die mentale Seite. Unsere Neurotransmitter, also die Botenstoffe für gedankliche und emotionale Prozesse, werden ebenfalls nachts regeneriert. Weiß auch jeder, der schon mal als Student direkt aus der Disko zur Klausur gefahren ist. Diese Regeneration ist der Grund, warum bereits schon in der Schule die wichtigen Stunden morgens stattgefunden haben und nachmittags nur Sport und Religion. Oder wie im Fall von Frau Hümpel-Lutz vom Golfplatz, nur Lachen und Klatschen.

Da es genau diese Botenstoffe sind, die für die Aufrechterhaltung von mentaler und emotionaler Leistungsfähigkeit verantwortlich sind, kommt es in der Folge von anhaltendem Schlafmangel zu Depressionen und Burnout. An dieser Stelle hat der Körper einen genauso guten, wie veralteten Schutzmechanismus installiert: Bei Überlastung wird der Schlaf und damit die Regeneration angeregt. Auch an dieser Stelle kommt eine meiner 10 Regeln zur Geltung: Medizinische Weisheiten, die nicht jeder aus dem Alltag sofort bestätigen kann, stimmen meist nicht. Vielleicht nicht theoretisch, aber doch zumindest in der Praxis sind wir doch alle Lebensweltmeister! Machen wir doch jeden Tag. Und lernen dabei das eine oder andere. Also was passiert, wenn wir an einem Tag über unser gewohntes Maß körperlich belastet sind? Wir werden müde. Ist übrigens nicht die frische Luft, die das macht. Gehen Sie in einen Indoor Kletterpark und schauen Sie, was abends passiert. Der Körper reagiert auf die Belastung und schaltet auf Regeneration. Leider – und das meine ich mit veraltet – gibt es heutzutage kaum noch körperliche Belastung im Beruf. Und was passiert bei geistiger Belastung? Da gibt es auch ein Notprogramm des Körpers für: Die muss be- und verarbeitet werden. Nachts. Im Traum. Oder vorher, beim Einschlafen. Im schlechtesten Fall können wir dann weder einschlafen und falls doch, wachen wir wieder auf, sobald wir die Traumphasen erreicht haben. Aber welche Auswirkungen hat dieses Notprogramm auf die belastende Lebenssituation, in der wir uns befinden? Leicht vorstellbar, dass die Belastung eher noch größer wird, wenn wir wie ein Zombie herumlaufen und uns nicht konzentrieren können. Und da es die gleichen Neurotransmitter sind, fehlen die auch für das Erleben von Emotionen, selbst wenn sie bei mentalen Denkprozessen verbraucht wurden.

Damit führt eine Überlastungssituation über Automatismen zu Burnout und später auch zur Depression. Dies ist so zwangsläufig, dass viele Ärzte den Unterschied nicht kennen oder für wichtig halten. Ist er aber. Zwänge, Ängste, Psychosen, sogar ein Bandscheibenvorfall können alle zur Depression führen. Fast jeder Alkoholabhängige oder Krebspatient ist depressiv. Da kommt ja auch keiner auf die Idee, das alles als Depression zu bezeichnen.

Da es sich hier um einen Teufelskreis handelt, rate ich immer so schnell wie möglich aktiv zu werden, wenn man Schlafstörungen hat. Allen meinen Patienten rate ich, mich anzurufen, sobald sie drei oder mehr Tage Schlafstörungen haben. Sofort unterbrochen passiert nichts, aber wie kann man als Berufstätiger einer ganzen Woche Schlaf hinterherlaufen? Gar nicht, daher geht es uns schlecht, die Leistungsfähigkeit sinkt, die Belastung erhöht sich und der Schlaf verschlechtert sich noch weiter.

Neben anderen, bereits in früheren Blogs erwähnten Mechanismen, ist dies ein weiterer Grund, warum Psychiatrie das wichtigste Fach der Medizin werden wird. Wer das nicht glaubt, schaue sich Daten z. B. der AOK an. Von 2000 bis 2016 nahmen Krankheitstage pro Jahr von 7 auf 15 zu, also mehr als verdoppelt. Mehr Arbeitsunfähigkeitstage wurden nur durch Erkrankungen von Muskeln und des Skelettapparates verursacht. Also von Rücken, um es mal einfacher auszudrücken. Spannend hierbei ist vor allem, dass fast alle Zahlen tendentiell abnehmen. Verletzungen von 14 auf 11 Tage pro Jahr, auch ein Zeichen, dass die Menschen weniger körperlich arbeiten. Rücken ging von 26 auf 21 runter, Verdauungsprobleme von 6,5 auf 5. Nur die Psyche hat sich verdoppelt. An dieser Stelle könnte ich erwähnen, dass die Anzahl der vorgesehenen Stellen für Psychotherapeuten in Deutschland seit 1992 konstant festgeschrieben ist. Wer keinen Platz bekommt, kann auch keine Kosten verursachen.

Wir haben jetzt schon eine unglaubliche medizinische Minderversorgung. Diese wird aber nicht bemerkt. Entweder mir geht es gut und ich könnte mich um Politik kümmern. Oder ich bin krank, merke, wie schlecht unser Krankensystem ist und wie lange ich auf einen Termin beim Arzt warten muss. In unserem „überversorgten“ Hannover 6 Monate auf Orthopäden, Neurologen, 12 Monate auf eine Psychotherapieplatz, 3 Monate auf MRT usw. In ländlichen Gegenden gibt es diese Ärzte erst gar nicht. Wenn ich krank bin, habe ich aber ganz andere Sorgen, als zu demonstrieren. Ärzte demonstrieren auch nicht. Die leiden zwar an weniger Einnahmen – unsere Gebührenordnung ist aus dem Jahre 1982 und seitdem nicht erhöht worden – bekommen aber bei anderen Ärzten schneller Termine. Ärzte sind meist auch intelligent und lassen sich Methoden einfallen, um an Geld zu kommen. Dies haben uns die Zahnärzte gut vorgemacht. Bei meinem bekomme ich immer erst die Betäubung und wenn ich nicht mehr sprechen kann, fragt er, ob ich die teure Füllung haben möchte. Egal was ich sage, interpretiert er immer als ja. Diese Entwicklung ist zu bedauern, weil Ärzte von Hause aus überhaupt keine Lust haben, sich mit Geld zu beschäftigen. Aber noch weniger Lust haben sie, Pleite zu gehen.

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